Sonntagsgedanken zum 19. Januiar 2020

Ein Bett neben anderen

Mein Handy surrt und macht mich auf eine Nachricht aufmerksam. Ein Foto zeigt einen großen Raum, wirklich groß, fast eine Turnhalle. Darin stehen Betten, dreißig sind zu sehen, doch das ist nur ein Bildausschnitt. Licht fällt durch die vergitterten Fenster und man weiß: hier bin ich nicht bei „Schöner Wohnen“. Das Foto hat mir mein Mann geschickt; er ist mit einer Delegation des Diakonischen Werks in Bratislava und Wien. In einer Obdachloseneinrichtung. Auf Facebook schreibt er dazu „Jede Nacht ca. 200 Gäste. Auch das ist Europa. Hinschauen. Nachdenken.“

 

Ich habe gerade keine Ruhe zum Nachdenken. Ich bin gestresst,  unruhig, denn auch hier in Schorndorf fehlt es an Wohnraum. Für einen Freund suche ich online, über Kollegen, in der Zeitung. Die Absagen reihen sich aneinander. Der Rest ist zu teuer. Mit Schüler-BAföG spielt man in der ganz unteren Liga. Ich zeige meinem Freund das Foto aus Bratislava und tröste etwas zynisch: „So schlimm wird’s schon nicht werden.“ Hinschauen. Nachdenken. Auch in Schorndorf. Was ist uns bezahlbarer Wohnraum wert? Ist eine Zimmermiete für 12 Quadratmeter für 460 Euro unmoralisch? Vielleicht geht es auch nicht um Moral, nur um Anstand. Mittlerweile erschien noch ein Foto auf fb, kommentiert mit den Worten „Gesehen in Wien, weltweit richtig“. Es ist ein Plakat mit den Worten: „DIE POLITISCH KORREKTE BEZEICHNUNG FÜR MENSCHEN, DIE KEIN ZUHAUSE HABEN? MENSCHEN.“ Nichts Neues, das wissen wir seit der Schöpfungsgeschichte – Zeit, danach zu leben.

Pfarrerin Silke Stürmer, Assistentin der Dekanin

 

 

Ein gutes und gesegnetes neues Jahr

Nur noch wenige Stunden, dann verabschieden wir uns von diesem Jahr und heißen gar ein neues Jahrzehnt willkommen. Was wird es bringen dieses 2020? Für Kirchen und Gemeinden zunächst einmal eine neue Jahreslosung: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben“ (Markus 9, 24).

366 Tage stehen ab morgen bereit, an denen jede und jeder für sich persönlich im eigenen Kämmerlein oder im Hauskreis oder in der Bibelstunde oder im Gottesdienst  darüber nachdenken kann, wo und wie ihn dieser Ausruf eines hilfesuchenden und verzweifelten Vaters mehr oder auch weniger trifft; ob und  wie er die eigene Gemütslage und das eigene Glaubensleben wiederspiegelt.

Auf jeden Fall sind diese fünf Worte gut zu behalten und leicht im Gedächtnis mitzunehmen. Sie können in ihrer kompakten Weise so etwas wie ein Begleiter durchs Jahr werden, die, wo immer und wann immer, in Gedanken und im Herz hin- und herbewegt werden können. Oder gehören sie schon jetzt fest zum Marschgepäck für das Jahr 2020, weil diese Worte das hinausrufen, was bei mir selbst ganz tief innen drin ist?

Sie mitten in die Zwiespältigkeit modernen Lebens hineinsprechen, in dem einerseits gilt, was Sache ist, was hieb und stichfest bewiesen werden kann. Andererseits uns Dinge zwischen Himmel und Erde bewegen und umtreiben, die gerade nicht eindeutig auf dem Tisch liegen.

Gott hält mich mit meinem Hin und Her, Vertrauen und Zweifel, Glaube und Unglaube aus. Das macht mir Mut für das, was kommt.

 

 

Die Kirche der brennenden Lampen

 

In Frankreich - so erzählt man sich – gibt es eine kleine Kirche, in der sich an jedem Sonntagabend die Leute aus dem Dorf zum Gottesdienst versammeln. Jeder Besucher bringt eine Öllampe mit. In der Kirche werden die Lampen angezündet und auf die breiten Banklehnen gestellt. So wird der Raum hell und der Gottesdienst gefeiert.


Jeder weiß, wenn er mit seiner Lampe fehlt, wird die Kirche ein wenig dunkler sein. Schon über viele Generationen wandern diese Lampen von Hand zu Hand. Ist ein Gemeindeglied verstorben, bekommt eine jüngere Christin, ein jüngerer Christ, die Lampe. Und dieser weiß: er wird gebraucht.

 

Was für ein weitsichtiges und schönes Miteinander der Generationen! Wenn Du, wenn Sie und ich fehlen, fehlt ein Lichtschein in der Kirche. Durch unsere Anwesenheit schenkt Jesus Christus ein Licht für andere und ermutigt uns: „Lasst euer Licht leuchten!“ (Mt. 5,16). Keine Sorge! Da muss man nicht viel leisten und wissen. So wie du bist, bist du wichtig in der Gemeinde Jesu Christi! Sei einfach da. Das ist Geschenk genug für viele Menschen.

 

Wie hell sind unsere Gemeinden? Wem überreiche ich in meinem Leben eine Lampe des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung?

 

Ich möchte diese Woche einem jüngeren Menschen sagen, wie wichtig er ist – für mich persönlich und für die Christenheit. Dankbar möchte ich selbst weitergeben, was ich geschenkt bekommen habe: „Ich will deinen Namen kundmachen von Kind zu Kindeskind.“ (Ps.45,18)

Gottes Segen für die neue Woche!

 

Pfarrer Joachim Scheuber, Evangelische Kirche Winterbach