Karfreitagsgedanken zum 14. April 2017

Karfreitagsgedanken

Mehrmals hatte Jesus seinen Tod angekündigt, erzählt, dass er leiden müsse und sterben, am dritten Tag aber auferstehen werde. Sie hatten ihn nicht verstanden, hatten noch am Tag ihres Einzugs in Jerusalem auf den baldigen Umsturz der politischen Verhältnisse gehofft. Und dann war alles aus. Einer aus ihrem Kreis hatte Jesus verraten, es wurde kurzer Prozess gemacht und schon hatten sie ihn ans Kreuz genagelt, wie einen Verbrecher.

Sie waren verlassen, verängstigt, verzweifelt.
Veränderungen machen Angst. Plötzlich eintretende umso mehr. Da schnürt die Angst einem die Kehle zu – und viele werden auch krank davon, körperlich oder seelisch. Etwa dann, wenn durch einen Unfall ein nahestehender Mensch mitten aus dem Leben gerissen wurde. Oder wenn ohne Vorwarnung die Kündigung des Arbeitgebers im Briefkasten liegt. Oder wenn eine Dauerbelastung zu viel wird. Und selbst wenn man nicht krank wird, entsteht eine tiefe Verunsicherung, egal ob es nun Veränderungen sind, die mich in meinem persönlichen Leben betreffen, oder solche, die wir auf politischer Ebene beobachten. Gibt es denn immer noch eine weitere Drehung in der Spirale von Gewalt und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Syrien? Und wie wird es weitergehen nach dem Referendum in der Türkei?

Was hilft? Es hilft, Abstand zu gewinnen vom Kreisen um sich selbst, es hilft, sich mit einfühlsamen Anderen auszutauschen, es hilft, das, was Sorgen macht, aus anderer Perspektive zu betrachten, sich entlasten zu lassen, sich versöhnen zu lassen. Es hilft die Ahnung, dass nach Karfreitag Ostern kommt.
Sie fühlten sich verlassen, verängstigt, verzweifelt – bis sie zu ahnen begannen, dass er seinen Weg bewusst und freiwillig gegangen war, mitten hinein in das Leiden und in den Tod. Mitten hinein, um den Tod dadurch zu entmachten. Vom Tod ins Leben, von der Angst zur Hoffnung, vom Verstricktsein zur Freiheit der Kinder Gottes. Für sie. Für uns.

Dekanin Dr. Juliane Baur, Schorndorf

 

 

 

Sonntagssgedanken zum 26. März 2017

Mut zum Dienen

In Briefen erzählt ein Soldat während des Ersten Weltkrieges von seinem Hauptmann. Dieser war ein mutiger Mann. Aber der Soldat schildert noch etwas Anderes: Wenn am Abend nach einem langen Marsch die Soldaten erschöpft waren, ging der Hauptmann von einem zum anderen, hockte sich nieder und besah sich die Füße. Er salbte die Füße mit einer Wundsalbe und verband sie. Das tat gut, das war „berührend“. Dieses hat die Soldaten am stärksten mit ihm verbunden.

Hier ist jemand mit seiner Autorität wirklich für die da, die ihm anvertraut sind. Das ist Dienst.

Dieses Beispiel entfaltet eine besondere Leuchtkraft, wenn wir sehen, wie manche Menschen heute mit der Macht umgehen oder sie stärken wollen. Da werden Oppositionelle verhaftet. Da ist man beleidigt, wenn jemand Kritik übt. Da werden Lügen zur angeblichen Wahrheit. Da wird jeder Anstand bei Seite gelegt. Da spielen Vernunft und Argumente keine Rolle mehr.

Jesus sagt einmal zu seinen Jüngern: „Die Herrscher halten ihre Völker nieder und die Mächtigen tun ihnen Gewalt an.“ Doch dann fährt er fort: „Aber so soll es bei euch nicht sein!“ Und er gibt ihnen ein Zeichen des Dienens, indem er ihnen die Füße wäscht. „Ein Beispiel habe ich euch gegeben, dass ihr tut, wie ich euch getan habe.“ (Johannes 13,15)

Diese Demut, dieser Mut zum Dienen, nimmt ihm nichts von seiner Autorität – im Gegenteil. In diesem Mut zum Dienen zeigt sich wahre Größe.


Pfarrer Jochen Kettling, Evangelische Kirchengemeinde Geradstetten

 

 

Sonntagsgedanken zum 12. Februar 2017

 

 

Die Suche nach der Wahrheit

Das Selfie eines syrischen Flüchtlings mit der Bundeskanzlerin geht derzeit um die Welt. Voller Stolz gepostet nach einem Treffen mit Merkel gerät dieser Flüchtling plötzlich in den Verdacht ein Terrorist zu sein und Merkel wird diffamiert als naive Kanzlerin.

Eine Lüge wird in die Welt gesetzt, über Facebook millionenfach verbreitet.
Bislang galt für den öffentlichen Diskurs die Annahme, dass Meinungen durch Argumente und belegte Fakten gebildet werden. Aber es ist anders, wie wir in diesen Tagen schmerzlich zur Kenntnis nehmen. Wir erleben: Gefühle und Emotionen werden über Tatsachen gestellt, wenn es dem eigenen Vorteil dient. Alles andere wird ausgeblendet, ignoriert oder gar geleugnet. Es geht gar nicht mehr darum Lügen aufzudecken, sondern den eigenen Ansichten möglichst schnell ein möglichst großes Echo zu verschaffen, ohne vorher die Fakten zu prüfen. Nicht umsonst heißt das Wort des Jahres „postfaktisch“.

Wieso stört es plötzlich viele Menschen nicht mehr zu lügen oder gar belogen zu werden? Oder grundsätzlicher gefragt: Wie kann es sein, dass die Wahrheit so stark im Kurs gefallen ist?

Im biblischen Urtext ist das Wort Wahrheit gleichbedeutend mit Verlässlichkeit und Treue, mit dem was tragfähig ist und uns Halt gibt. Die Wahrheitsfrage im Kleinen wie im Großen berührt immer auch die Frage nach dem, was uns Menschen verbindet und die Welt im Innersten zusammen hält. Die Lüge zerstört das Vertrauen und damit letztlich nicht nur unser privates Zusammenleben, sondern auch die Gesellschaft.
Klar, wir Menschen hätten gerne einfache Wahrheiten, vor allem solche, die uns bestätigen oder gerade nützlich erscheinen. Aber die Suche nach der Wahrheit ist unbequem, anstrengend und zur Zeit erfordert sie sogar Mut! Aber nur „die Wahrheit wird euch frei machen“, schreibt der Apostel Johannes. Frei von den Verstrickungen der Lüge und zunehmend des Hasses, der damit verbreitet wird.

Darum können und dürfen wir nicht schweigen, wenn die Wahrheit bewusst verdreht oder gar geleugnet wird!

Schuldekan Martin Hinderer, Schorndorf


Sonntagsgedanken zum 30. Dezember 2016 - Jahreswechsel

 

Gelassen in die Zukunft

zu Silvester pflegen Menschen Rituale. Für einige gehört ein bestimmtes Essen dazu, z. B. Fondue oder Raclette. Um Mitternacht dann das Feuerwerk. Jemand hört jedes Jahr das Lied von Frank Sinatra: „I did it my way“.

Das Lied ist faszinierend und befremdlich zugleich. Faszinierend, weil hier einer mit beiden Beinen fest im Leben steht und sich so schnell von nichts erschüttern lässt. Er blickt zurück und stellt fest: Ich habe im Großen und Ganzen alles richtig gemacht. Ich habe auf meine Kraft vertraut und das nicht bereut. Ich bin, so wie ich bin, meinen Weg gegangen und habe mich nicht verbiegen lassen.

Toll, wenn jemand so selbstbewusst ist und weiß, was er kann! Allerdings stößt dieses Lied hart an die Grenzen der Selbstüberschätzung. Frank Sinatra ist sehr von sich überzeugt. Aus ihm spricht ein erfolgreicher Mann.

Bei allem Selbstvertrauen das Frank Sinatra hat, würde ich ihn gern fragen, wie er darauf kommt, dass er all das, worauf er so stolz ist, nur sich selbst zu verdanken hat.

Als Christen denken, glauben und hoffen wir anders. Wir setzen unser Vertrauen auf Gott und wissen, dass wir uns auf ihn verlassen dürfen. Denn kein Mensch lebt nur aus eigener Kraft.

In unserem Evang. Gesangbuch gibt es ein Lied (EG 624), das mir oft hilft, sicherlich auch im Neuen Jahr. Es heißt dort:

Weiß ich den Weg auch nicht, du weißt ihn wohl, das macht die Seele still und friedevoll. Ist’s doch umsonst, dass ich mich sorgend müh, dass ängstlich schlägt mein Herz, sei’s spät, sei’s früh.

Dieses Lied, mit seinen 3 Strophen, ist von einem tiefen Gottvertrauen geprägt. Wer so singen kann, hat die Erfahrung gemacht, dass sein Leben in Gottes Hand ruht. Entsprechend gelassen und zuversichtlich ist der Blick in die Zukunft.

Pfr. Arno Konrad, Evang. Gesamtkirchengemeinde Rudersberg-Schlechtbach