Sonntagsgedanken zum 12. Februar 2017

 

 

Die Suche nach der Wahrheit

Das Selfie eines syrischen Flüchtlings mit der Bundeskanzlerin geht derzeit um die Welt. Voller Stolz gepostet nach einem Treffen mit Merkel gerät dieser Flüchtling plötzlich in den Verdacht ein Terrorist zu sein und Merkel wird diffamiert als naive Kanzlerin.

Eine Lüge wird in die Welt gesetzt, über Facebook millionenfach verbreitet.
Bislang galt für den öffentlichen Diskurs die Annahme, dass Meinungen durch Argumente und belegte Fakten gebildet werden. Aber es ist anders, wie wir in diesen Tagen schmerzlich zur Kenntnis nehmen. Wir erleben: Gefühle und Emotionen werden über Tatsachen gestellt, wenn es dem eigenen Vorteil dient. Alles andere wird ausgeblendet, ignoriert oder gar geleugnet. Es geht gar nicht mehr darum Lügen aufzudecken, sondern den eigenen Ansichten möglichst schnell ein möglichst großes Echo zu verschaffen, ohne vorher die Fakten zu prüfen. Nicht umsonst heißt das Wort des Jahres „postfaktisch“.

Wieso stört es plötzlich viele Menschen nicht mehr zu lügen oder gar belogen zu werden? Oder grundsätzlicher gefragt: Wie kann es sein, dass die Wahrheit so stark im Kurs gefallen ist?

Im biblischen Urtext ist das Wort Wahrheit gleichbedeutend mit Verlässlichkeit und Treue, mit dem was tragfähig ist und uns Halt gibt. Die Wahrheitsfrage im Kleinen wie im Großen berührt immer auch die Frage nach dem, was uns Menschen verbindet und die Welt im Innersten zusammen hält. Die Lüge zerstört das Vertrauen und damit letztlich nicht nur unser privates Zusammenleben, sondern auch die Gesellschaft.
Klar, wir Menschen hätten gerne einfache Wahrheiten, vor allem solche, die uns bestätigen oder gerade nützlich erscheinen. Aber die Suche nach der Wahrheit ist unbequem, anstrengend und zur Zeit erfordert sie sogar Mut! Aber nur „die Wahrheit wird euch frei machen“, schreibt der Apostel Johannes. Frei von den Verstrickungen der Lüge und zunehmend des Hasses, der damit verbreitet wird.

Darum können und dürfen wir nicht schweigen, wenn die Wahrheit bewusst verdreht oder gar geleugnet wird!

Schuldekan Martin Hinderer, Schorndorf


Sonntagsgedanken zum 30. Dezember 2016 - Jahreswechsel

 

Gelassen in die Zukunft

zu Silvester pflegen Menschen Rituale. Für einige gehört ein bestimmtes Essen dazu, z. B. Fondue oder Raclette. Um Mitternacht dann das Feuerwerk. Jemand hört jedes Jahr das Lied von Frank Sinatra: „I did it my way“.

Das Lied ist faszinierend und befremdlich zugleich. Faszinierend, weil hier einer mit beiden Beinen fest im Leben steht und sich so schnell von nichts erschüttern lässt. Er blickt zurück und stellt fest: Ich habe im Großen und Ganzen alles richtig gemacht. Ich habe auf meine Kraft vertraut und das nicht bereut. Ich bin, so wie ich bin, meinen Weg gegangen und habe mich nicht verbiegen lassen.

Toll, wenn jemand so selbstbewusst ist und weiß, was er kann! Allerdings stößt dieses Lied hart an die Grenzen der Selbstüberschätzung. Frank Sinatra ist sehr von sich überzeugt. Aus ihm spricht ein erfolgreicher Mann.

Bei allem Selbstvertrauen das Frank Sinatra hat, würde ich ihn gern fragen, wie er darauf kommt, dass er all das, worauf er so stolz ist, nur sich selbst zu verdanken hat.

Als Christen denken, glauben und hoffen wir anders. Wir setzen unser Vertrauen auf Gott und wissen, dass wir uns auf ihn verlassen dürfen. Denn kein Mensch lebt nur aus eigener Kraft.

In unserem Evang. Gesangbuch gibt es ein Lied (EG 624), das mir oft hilft, sicherlich auch im Neuen Jahr. Es heißt dort:

Weiß ich den Weg auch nicht, du weißt ihn wohl, das macht die Seele still und friedevoll. Ist’s doch umsonst, dass ich mich sorgend müh, dass ängstlich schlägt mein Herz, sei’s spät, sei’s früh.

Dieses Lied, mit seinen 3 Strophen, ist von einem tiefen Gottvertrauen geprägt. Wer so singen kann, hat die Erfahrung gemacht, dass sein Leben in Gottes Hand ruht. Entsprechend gelassen und zuversichtlich ist der Blick in die Zukunft.

Pfr. Arno Konrad, Evang. Gesamtkirchengemeinde Rudersberg-Schlechtbach

 

 

 

Sonntagsgedanken zum 06. November 2016

Hier und jetzt!

Als junger Mensch war ich überzeugt: Veränderung ist möglich! Man muss nur etwas als richtig oder falsch erkannt haben, und dann läuft die Sache auch. Wenn ich merke, dass mir etwas nicht guttut: Einfach lassen. Wenn ich das Gefühl habe, dass mein Lebenswandel nicht der richtige ist: Einfach ändern. Wenn ich denke, dass ich mich in einer Sache verrannt habe: Einfach neu anfangen.

Im mittleren Alter und mit ein bisschen mehr Lebenserfahrung bin ich zwar immer noch davon überzeugt: Veränderung ist möglich. Aber inzwischen weiß ich auch, dass das manchmal gar nicht so einfach ist. Und es scheint mit zunehmendem Alter immer schwieriger zu werden, sich zu ändern: Viele Verhaltensweisen sind eingeschliffen, Meinungen und Ansichten haben sich verfestigt. Dazu kommen die beruflichen, gesundheitlichen und familiären Zwänge, die scheinbar auch immer mehr werden. Da bleibt einem manchmal kaum Luft zum Atmen – geschweige denn Raum für Veränderungen. Deshalb verschieben wir diese auch gerne auf später: „Wenn das erst mal vorbei ist, dann aber…“.

„Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“ (2Kor 6,2) – so ruft es uns der Wochenspruch für die kommende Woche zu. Und erinnert uns daran: Unser Leben spielt sich im Hier und Jetzt ab – und sonst nirgends. Wir haben die Erfüllung unseres Lebens weder in der Vergangenheit zu suchen noch in die Zukunft zu verlegen. Vielmehr ist die Fülle des Lebens allein in der Gegenwart zu finden: „Siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.“ (Lk 17,21)

Also: Veränderung ist möglich – im Hier und Jetzt! Auch wenn wir vielleicht vorerst nur den Blickwinkel verändern, aus dem wir auf unser Leben schauen. Und die Fülle erkennen, die jetzt schon in ihm liegt.

Steffen Kläger-Lißmann, Pfarrer der Evang. Stadtkirchengemeinde Schorndorf