Impuls zu Karfreitag 2018

 

Was wir am Kreuz sehen – oder die Frage: Was sehen wir am Kreuz?

Morgen ist Karfreitag, Erinnerung an Jesu Tod am Kreuz. Das Wort „Karfreitag“ kommt aus dem Althochdeutschen – Kara bedeutet Jammer, Klage, Trauer. Der Karfreitag ist also der Tag des Jammers und der Klage. Denn was sehen wir am Kreuz? Einen, der zur Schau gestellt, entblößt, verachtet ist, einen, der aus Sicht eines unbeteiligten Beobachters gescheitert, gebunden, angenagelt – eben gekreuzigt ist. Wir sehen ein Marterwerkzeug, selbst wenn wir uns noch so sehr daran gewöhnt haben, und es uns als Schmuckstück um den Hals hängen.

Kein Wunder, dass sich am Kreuz die Geister scheiden, die einen sich entsetzt abwenden, die anderen am liebsten hätten, es wäre nicht nötig gewesen, dass da einer für sie gestorben sein soll. – Und doch glauben wir, dass der Mann, der da am Kreuz hing, nicht nur ein Opfer ist, wie es nur zu viele gibt, und deshalb unser Mitleid verdient hat, sondern, dass er der Eine und Einzige ist, der das auf sich genommen hat, was in uns verbogen und belastet ist, und uns so Heilung schenkt.

Musste das sein – zeugt die Rede von Sünde und Schuld des Menschen nicht von einer nicht mehr zeitgemäßen Weltfremdheit? Musste das sein, dass der allmächtige Gott ein Opfer, noch dazu seines Sohnes nötig hatte, um uns mit sich zu versöhnen?

Letzteres ist m. E. vor allem ein Problem der Worte und Bilder, die wir verwenden. Wir nennen Jesus Gottes Sohn, um auszudrücken, wie nahe er Gott war und dass sich nicht trennen lässt zwischen ihm und Gott. Vielleicht wäre besser, diese Nähe noch konsequenter auszudrücken: der, der sich da am Kreuz opfert für uns, das ist Gott selbst, der Mensch wurde und unser Leben teilte. Gott braucht kein Opfer, er gibt sich selbst in diese Situation – und wir glauben, er tut es aus erbarmender Zuwendung und Liebe zu uns. Und wir tragen nichts dazu bei, können nur darüber staunen.

Und die Sünde, die da vergeben sein soll? Stellen wir uns einmal vor, es wäre nicht so. Wir hätten keine Möglichkeit loszuwerden, was uns auf der Seele liegt, wir wären ganz auf uns geworfen, gewiesen allein an unsere Leistung, wären konfrontiert mit unserem Scheitern ohne die Möglichkeit zur Veränderung. Das wäre nahezu unerträglich. Die Rede von der Sünde und ihrer Vergebung belastet unser Leben nicht, sondern befreit es – befreit dazu, in aller Zerbrechlichkeit, die dem Leben innewohnt, getrost leben zu können. Und wir tragen nichts dazu bei, können es nur in Dankbarkeit annehmen.

Was sehen wir am Kreuz? Den, der uns leben lässt.

 

Dekanin Dr. Juliane Baur, Schorndorf

 

 

Sonntagsgedanken zum 27. Februar 2018

 

Der Superbowl

 

American Football. Das war für mich immer eine Serie von Werbe-Clips, unterbrochen von unverständlichen Bildern, die wohl den Sport an sich zeigten: gepolsterte Muskelmänner versuchten einen eiförmigen Ball(?) irgendwohin zu werfen. Weil das mit dem Fangen meistens sowieso nicht klappte, durfte dann das andere Team sein Glück versuchen. Laaaaangweilig!

 

Doch letztes Jahr war ich in Amerika. Ich fand mich am Superbowl-Abend neben einem Patriots-Fan an der Bar wieder. Der erklärte mir leidenschaftlich sein Spiel und wir erlebten die größte Aufholjagd in der Geschichte dieses Finals. Mein Interesse war geweckt. Und so blieb ich dieses Jahr sogar wach bis in die Nacht, für ein weiteres historisches Finale, das alles zu bieten hatte, was diesen Sport ausmacht: Einen irren Fumble, ausgerechnet von Tom Brady, was die späte Entscheidung brachte. Zuvor ein historisches Trickspiel der Eagles: Nick Foles schaffte es als erster Spieler in einem Superbowl einen Touch-down zu werfen und zu fangen! Wahnsinn! Ich beginne diesen Sport zu lieben!

 

Seltsam, oder?

 

Ich denke, so ist es mit dem christlichen Glauben auch: oberflächlich betrachtet für manche eine wahnsinnig langweilige Veranstaltung. Aber vielleicht braucht es jemand, der einem erklärt, worum es im Kern geht. Wenn man dann spürt, was ein Leben mit Glaube, mit Hoffnung, mit Vergebung und mit unbedingter Liebe wirklich meint, dann kann es sein, dass man sich dafür interessiert und bald sogar davon begeistert ist. Also: Worauf warten?    Game on! Vielleicht am nächsten Sonntag?

 

Pfarrer Christopher Reichert, Ev. Kirchengemeinde Winterbach

 

Sonntagsgedanken zum 4. Februar 2018

 

„Klavierspielen“ können, wäre schön

 

Als ich ihn besuchte, war er jenseits der 80. Sein Sehvermögen war eingeschränkt. Aber Hören konnte er noch gut. Die Hände waren gezeichnet von schwerer Arbeit. Beim Kaffeetrinken erzählte er mir, dass er sich mit 80 Jahren ein Klavier gekauft habe. Gegen die Widerstände Anderer:  – In deinem Alter? Das lohnt nicht mehr! Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr... Alles richtig und nachvollziehbar. „Und jetzt“, erzählte er mir verschmitzt „spiele er jeden Tag, mit einem Finger, einen Choral“. Und dann spielte er mit Begeisterung und mit leuchtenden Augen, was er konnte. – Er starb mit 100 Jahren. Hat also noch 20 Jahre Klavier gespielt. Mich hat das beeindruckt. Diese Lust am Leben, diese Lust Neues im Leben zu entdecken, dieses sich nicht einschüchtern lassen von dem, was man angeblich tut oder von körperlichen Einschränkungen.

Und er fühlte sich beschenkt und gehalten von seinem Gott. Ganz selbstverständlich gehörte sein Glaube ins Leben, war Teil seines Lebens. Er konnte die Choräle, die Kirchenlieder in – und auswendig, die er spielte. „Befiehl Du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege, des der den Himmel lenkt (EG 361) oder Jesu geh voran, auf der Lebensbahn (EG 391).“ Diese Lieder, sein Glaube, sein Gottvertrauen, waren die Quellen seiner Kraft und seines Lebensmutes. Er wusste: Ich bin von Gott getragen und gehalten. Komme was mag. Das hat ihn gelassen gemacht. Man kann darüber lächeln, über diese vermeintliche „Naivität“. Ich habe darüber gestaunt. Er ist mir zum Beispiel geworden für einen Menschen, der mit Gottes Gegenwart in seinem Leben rechnet. Wenn ich heute wieder mal höre: Das wird schwierig, das geht so nicht.... sehe ich ihn „Klavierspielen“.

Pfr. Stefan Nemesch, Steinenberg